October 10, 2009 / erstellt am:  November 14, 2009
Gedanken, Kommunikation, Lebenserfahrung

Reiz der Anonymität

Vielleicht ist es einfacher sich gegenüber einer fremden Person zu öffnen als jemandem den man persönlich gut kennt. Natürlich birgt es auch die Gefahr, dass man in seinem Kopf ein eigens Bild der fremden Person erstellt, das nicht der Realität entspricht. Dennoch habe ich mich auf das Abenteuer einer intensiven Auseinandersetzung mit einer mir fremden Person eingelassen. Das Spezielle daran ist, dass die Auseinandersetzung nur via E-Mail erfolgt. Ein persönliches Kennenlernen ist zwar nicht ausgeschlossen, aber steht nicht im Vordergrund.

Es ist wie ein Experiment bei dem ich nicht weiss, wohin es mich führen wird. Es geht dabei um das Kommunizieren nur in schriftlicher Form. Eine Kommunikationsform die es erlaubt, über Geschriebenes etwas länger nachzudenken, als zum Beispiel bei einem Gespräch. Dafür fällt alles Nonverbale wie Tonfall, Betonung, Gestik und Körpersprache weg, was bei einem Gespräch zusätzliche Informationen bietet. Ich glaube auch, dass man schriftlich mehr sagt als mündlich, besonders bei komplexen Gedanken. Dafür kann nur Geschriebenes oft zu Missverständnissen führen, die man mündlich schneller erkennen und korrigieren könnte. Aber solche Missverständnisse bieten wiederum neuen Stoff um die Auseinandersetzung in Gang zu halten. Es zwingt einen präziser zu Formulieren und zu überlegen auf welche Art das Geschriebene wahrgenommen werden kann.

Besonders schwierig mit der Verständigung wird es bei Humor, Ironie oder Sarkasmus, weil man nie weiss, ob man vom Gegenüber richtig verstanden wird, was aber gerade auch einen gewissen Reiz aus macht. Gesprochene Wörter verflüchtigen sich schneller als geschriebene, die schwarz auf weiss bestehen bleiben. E-Mails sind nicht nur technisch gesehen schneller als Briefe, sondern auch weil sie unmittelbarer sind und sich oft der Kontrollinstanz des Am-nächsten-Tag-lieber-noch-einmal-Durchlesens, entziehen, weil man zu schnell auf die Taste «senden» drückt.

Einerseits beginnt man mit der Zeit bewusst oder unbewusst gewisse Regeln zu befolgen. Man weiss, was funktioniert und was nicht. Andererseits will man auch immer wieder überraschen, Neues ausprobieren und Grenzen austesten. Dieser Dialog schafft Vertrautheit und sogar eine Art Intimität, die aber auch Abhängigkeit erzeugen kann. Ich bin gespannt, wie das ganze weiter gehen wird.

Ein gutes Gespräch und ein E-Mail-Kontakt sind zwei verschiedene Kommunikationsformen mit ihren Vor- und Nachteilen und ich will keines von beiden bevorzugen, sondern beide immer wieder ausprobieren.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an das Buch «Gut gegen Nordwind» von Daniel Glattauer. (Übrigens eine Empfehlung von Moritz Leuenberger im Literatur-Club auf SFDRS) Dazu schrieb ich am 18. Januar 2009: «Zu Beginn wünschte ich mir auch so einen anregenden und geistreichen E-Mail-Verkehr mit jemandem. Am Schluss wollte ich es nicht mehr.» Leider habe ich nicht mehr dazu geschrieben und nun habe ich selber so einen geistreichen E-Mail-Verkehr und hoffe, dass es nicht gleich enden wird, wie in diesem Buch. Durch das Lesen von Rezensionen auf dem Internet, habe ich soeben erfahren, dass es noch einen zweiten Teil gibt, den ich nun erst recht auch lesen muss.
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