September 2, 2017 / erstellt am:  September 22, 2017
Reise, Ferien, Griechenland, Insel, Kreta

Schwitzen auf Kreta

Die beste Geschichte zuerst: Im Flug von Genf nach Heraklion vergass der Pilot nach einer Durchsage das Mikrofon auszuschalten. So hörten wir, wie er zu seinem Copilot sagte: «So und nun gehe ich kacken und danach bumse ich die blonde Stewardess.» Mit hochrotem Kopf und sichtbar wütend machte sich die blonde Stewardess auf den Weg zum Cockpit. Dabei strauchelte sie und viel um. Eine ältere Dame war ihr behilflich beim Aufstehen und sagte zu ihr: «Sie müssen sich nicht beeilen, er ist noch am kacken.» Die Geschichte ist zwar nicht wahr, dafür aber umso lustiger. Unser Flug nach Heraklion war ereignisloser und dauerte dreieinhalb Stunden.

Es war wie ein Schlag ins Gesicht, als wir das Gebäude vom Flughafen in Heraklion verliessen. Noch trugen wir lange Hosen. Die Jacke hatte ich mir bereits ausgezogen. Die Hitze war das erste, was uns auf Kreta begegnete und sollte uns während zehn Tagen auf der griechischen Insel nicht mehr verlassen. Die Wärme war ja eigentlich der Grund, warum wir im September in den Süden flogen. Den Sommer noch etwas verlängern. Aber eine solche Hitze hatten wir nicht erwartet. Zum Glück hatte das Mietauto eine Klimaanlage. Aber wenn es einmal in der Sonne stand, weil die Parkplätze im Schatten alle belegt waren, war das Einsteigen wie der Gang in die Sauna. Nur sassen wir nicht nackt darin. Heizt sich ein schwarzes Auto eigentlich stärker auf an der Sonne als ein weisses? Unseres war schwarz und der Schweiss floss aus allen Poren. Erst nach einigen Tagen hatte ich mich etwas daran gewöhnt. Bewegte mich dennoch vorwiegend im Schatten. Auch wegen meiner sensiblen Haut. Ziel war es keinen Sonnenbrand einzufangen. Darum schmierten wir uns mehrmals täglich grosszügig mit Sonnencreme ein. Nicht an jedem Strand gab es Schattenplätze.

Wir entschieden uns für ein Hotel im Norden der Insel, östlich von Heraklion gelegen, nur eine halbe Stunde Autofahrt vom Flughafen entfernt. Es ist vielleicht nicht die schönste Gegend von Kreta aber ein idealer Ausgangspunkt für Ausflüge. Das Hotel Home wird von zwei Engländern geführt, wobei der eine Schotte ist. Ich hörte ihm gerne beim Sprechen zu, hatte aber manchmal Mühe ihn zu verstehen. Trotz kleineren Verständigungsproblemen waren beide sehr nett und gastfreundlich und gaben uns gute Tips für Ausflüge und einmal auch einen gelben Regenschirm mit auf den Weg als Sonnenschutz, der bei einer spontanen Fotosession mit einer russischen Touristin als willkommenes Accessoire diente. Und auch das gemeinsame BBQ mit nächtlicher Showeinlage war ein schönes Erlebnis, bei dem wir andere vorwiegend englische Hotelgäste kennenlernten.

Bald schon stellte sich heraus, dass Kreta grösser ist als erwartet. Wenn man seine Ferien nicht nur mit Autofahren verbringen und möglichst viel von der Insel sehen will, war es vielleicht eine falsche Entscheidung immer im selben Hotel zu übernachten. So beschränkte sich unser Bewegungsradius auf die Mitte der Insel rund um Heraklion. Dennoch gab es vieles zu unternehmen und zu sehen. Die längsten Autofahrten dauerten anderthalb Stunden, nach Rethymno oder in den Süden nach Matala.

Es ist schon zur Tradition geworden, dass wir jeweils am Abend beim Abendessen das Highlight des Tages küren. Manchmal gab es auch mehrere Highlights des Tages:

Samstag 02.09.2017
problemloses Finden des Hotels ohne Karte und ohne Navi
Sonntag 03.09.2017
Spaziergang durch Agios Nikolaos, knabbernde Fische und der «hidden beach» bei Vlichadia
Montag 04.09.2017
spontane Fotosession mit Gulnaz und der gewagte Sprung ins Meer in Agia Pelagia
Dienstag 05.09.2017
schönste Taverne Kretas in Magoulas auf der Lassithi-Hochebene
Mittwoch 06.09.2017
kein Kater nach dem BBQ am Vorabend und der Coiffeurbesuch in Analipsi
Donnerstag 07.09.2017
Die Sicht über Rethymno und der praktische Strand bei Sfakaki
Freitag 08.09.2017
Das archäologische Museum in Heraklion, die beleidigte Souvenirverkäuferin und der Kerosin-Strand
Samstag 09.09.2017
Der Wochenmarkt in Mires, der red beach bei Matala und der Weg dorthin
Sonntag 10.09.2017
Gemütliches Lesen und Nichtstun am Hotel-Pool
Montag 11.09.2017
Die Agiafarango-Schlucht, der abenteuerliche Weg dorthin und das unglaublich klare Wasser
Dienstag 12.09.2017
reibungslose Heimreise mit Fensterplatz im Flugzeug

Natürlich gab es auch das Gegenteil von Highlights. So fanden wir zum Beispiel den Besuch der Ausgrabungsstätte von Knossos eher enttäuschend. Es ist zwar ein unglaublicher Touristenmagnet aber wirklich viel gab es nicht zu sehen. Die wertvollen Ausgrabungsstücke wurden weggebracht und waren zum Beispiel im archäologischen Museum in Heraklion ausgestellt. Als Ersatz sah man zum Beispiel Kopien von Fresken. Aber eben, es waren nur Kopien. Und auch sonst war man nie sicher, ob das Gesehene echt oder nachgebaut war. Es gehörte zur Auffassung des Engländers Arthur Evans, der zwischen 1900 und 1903 die Ausgrabungen leitete und finanzierte, Teile des Palastes zu rekonstruieren.

«Heute käme kaum ein Archäologe auf die Idee, frühgeschichtliche Ruinen mit Stahlbeton wieder aufzubauen und dadurch etwas zu schaffen, das man schon spöttisch als «minoisches Disneyland» bezeichnet hat. Dabei liess er das architektonische Ensemble absichtlich unvollendet. Mit Gesimsen, die plötzlich malerisch abbrechen, mit hier und da aufgestellten Kulthörnern, trug er der damals wie heute verbreiteten Nachfrage nach «Ruinenromantik» Rechnung.» (von Andreas Schneider aus dem Dumont-Reise-Taschenbuch)

Das Beste war der Drache von Knossos. Eine Aufseherin, die mit ihrer Trillerpfeife die Touristen energisch zurechtwies, die sich von den Trampelpfaden entfernten. Ein anderes Lowlight war die vergebliche Suche einer gemütlichen Taverne. Auf Kreta gibt es viele schöne Tavernen, aber auf der Rückreise von Rethymno konnten wir keine finden und landeten schliesslich in einer Art griechischem Mc Donalds in Perama.

Von der griechischen Krise war nichts zu spüren. Der Tourismus, die Haupteinnahmequelle Kretas, scheint immer noch gut zu funktionieren. Beinahe überall war alles auf Englisch angeschrieben und zum Teil auch auf Deutsch, Französisch und Russisch. Die touristischen Hotspots wie zum Beispiel Knossos, die Dikti-Höhlen bei der Lassithi-Hochebene oder der bekannte Strand von Matala waren beinahe schon überfüllt. Fährt man weg von der Küste wird es sofort etwas ruhiger und man kann das ursprüngliche Kreta erleben. Der Vorteil einer Insel ist ja, dass es viele Küsten gibt. Und wenn man etwas suchen würde, könnte man auf Kreta sogar einsame Strände finden, wo keine Touristen sich aufhalten. Aber eigentlich habe ich nichts gegen andere Touristen, ich bin ja selber einer. Und wenn man sich etwas bemüht, kommt man sogar ins Gespräch mit ihnen. Sei es auch nur, weil eine bereits erwähnte russische Touristin von mir fotografiert werden wollte, was zu einer spontanen Fotosession in Agio Pelagio führte (mit und ohne gelbem Regenschirm). Etwas schwieriger ist es mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen auch wenn die meisten Englisch sprechen. Dafür sind sie sehr gastfreundlich. So gehört es wahrscheinlich zur Tradition, dass der Raki nach dem Essen spendiert wird. Wie auch die Früchte oder eine süsse Nachspeise, die einfach gebracht wurden, die weder bestellt noch bezahlt werden mussten.

Gut möglich, dass auf Kreta mehr Katzen als Menschen leben. Jedenfalls mehr als Hunde. Überall waren sie anzutreffen, vor allem in den Tavernen. Wahrscheinlich rechnen die Inhaber (und die Katzen) damit, dass den Gästen ab und zu mehr oder weniger absichtlich etwas herunterfällt. Die Katzen werden mehr als geduldet, sie gehören zum Bild einer traditionellen Taverne und werden von den Touristen ohne Katzenallergie gerne gesehen, solange sie nicht zu aufdringlich werden.

Kreta ist auch bekannt für seine vielen Wandermöglichkeiten. Die Idee den höchsten Berg Kretas, den Psiloritis, zu erklimmen, haben wir schnell aufgegeben. Für eine mehrstündige Wanderung an der prallen Sonne war es einfach zu heiss, auch wenn es auf 2456 Meter über Meer vielleicht ein paar Grad kühler gewesen wäre. Und bei der Wanderung durch die berühmte Samaria-Schlucht war uns der Anfahrtsweg zu lang. So entschieden wir uns für die eher unbekanntere und kürzere Agiafarango-Schlucht im Süden von Kreta. Der Anfahrtsweg führte uns auf einer staubigen Schotterpiste mit mehrmaligem Überqueren des ausgetrockneten Bachbeetes bis zum Eingang der Schlucht. Dabei schwitzten wir nicht nur wegen der Hitze und waren froh als wir das Auto unter einem schattenspendenden Olivenbaum parkieren konnten. Die Wanderung durch die Schlucht entlang hoher, zerklüfteter Felswände dauerte nur eine halbe Stunde und endete an einem bezaubernden Kieselstrand mit glasklarem Wasser, wo nur ein paar andere Wanderer und ein Ausflugsboot anzutreffen waren. Zwei Tage zuvor überquerten wir bei Matala einen Hügel auf dem Weg zum abgelegenen red beach, was man allerdings nicht wirklich als Wanderung bezeichnen kann. Erst recht nicht weil wir den Weg in unseren Flip-Flops bewältigten. Dennoch war die Aussicht von oben auf die Bucht atemberaubend schön.

Und dann ist da noch die Geschichte mit der beleidigten Souvenirverkäuferin in Heraklion: Wir fragten sie lachend, ob sie das Sortiment ausgewählt habe, als wir Flaschenöffner in Form von aus Holz geschnitzten Penissen in ihrer Auslage sahen. Zuerst sagte sie noch, dass es ihr egal sei, was sie verkaufe. Danach beschimpfte sie uns jedoch als respektlos und frauenverachtend, was nicht unsere Absicht war. Ein anderes Gespräch mit einem Einheimischen hinterliess trotz seiner Kürze einen bleibenden Eindruck: Auf dem kurzen Weg im Shuttlebus von der Autovermietung zum Flughafengebäude erzählte uns der Fahrer neben dem üblichen Smalltalk, dass er sich selber keine Ferien leisten könne, da er diesen Job als Fahrer nur über den Sommer habe. Etwas beschämt wurde uns das Privileg Tourist sein zu können wieder einmal bewusst.

Bei der nächsten Reise nach Kreta werden wir mehrere Hotels, verteilt auf der gesamten Insel, buchen um so auch den äussersten Westen und äussersten Osten kennenzulernen. Und vielleicht ist der Frühling die bessere Jahreszeit, wenn alles grün ist, die Blumen blühen und wenn es noch nicht so unsäglich heiss ist. Dennoch waren es trotz Hitze sehr schöne und abwechslungsreiche Ferien und mein Ziel, keinen Sonnenbrand einzufangen, habe ich übrigens erreicht.

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